Samstagabend, Hannover-Linden zeigt sich frühlingshaft mild, die letzten Sonnenstrahlen wärmen die Hauswände, die Straßencafés sind gut besucht. Doch während sich draußen langsam die Nacht über die Stadt legt, bereitet sich drinnen ein Club auf ein Donnerwetter der anderen Art vor: Thundermother betreten die Bühne des Capitol. Der legendäre Kultclub ist mit rund 1.100 Besucherinnen und Besuchern gut gefüllt – nicht ganz ausverkauft, aber genau richtig für einen Abend, der an Intensität kaum zu überbieten ist. In 90 Minuten zelebriert die schwedische Band das, worum es im Rock’n’Roll im Kern geht: Freiheit, Wucht, Gefühl – und die unerschütterliche Überzeugung, dass echte Musik keine Show braucht, sondern Haltung.
Einstimmung mit Wucht – Vulvarine und Cobra Spell machen ernst
Bereits ab 19:30 Uhr gibt es im Capitol kein Halten mehr. Die österreichische All-Female-Band Vulvarine eröffnet den Abend mit rotziger Attitüde, energetischen Riffs und einer Mischung aus Punk, Hard Rock und politischem Selbstbewusstsein. Die Wienerinnen sind laut, direkt, ungeschönt – und bringen die Menge schon früh auf Betriebstemperatur. Der Saal ist noch nicht ganz voll, aber wer da ist, spürt sofort: Das wird kein gewöhnlicher Support-Gig. Songs wie „Fear Factory“ oder „Delusion“ zünden – und hinterlassen Spuren.

Danach übernehmen Cobra Spell aus den Niederlanden. Hier wird der Sound metallischer, melodischer – mit einem deutlich stärkeren Fokus auf klassischem Heavy Metal und Glam-Einflüssen. Gitarrensoli, Twin-Leads, wehende Mähnen, Lack, Leder und Geschwindigkeit – Cobra Spell feuern aus allen Rohren. Frontfrau Kristina Vega liefert eine souveräne Performance, während Gitarrist Sebastian “Spyder” Silva mit Griffbrett-Akrobatik glänzt. Spätestens bei „Addicted to the Night“ oder „Flaming Heart“ brüllt das Publikum begeistert mit.
Beide Vorbands bringen jeweils rund 30 Minuten lang alles, was einen gelungenen Auftakt ausmacht: Energie, Eigenständigkeit, Attitüde. Zusammen bilden Vulvarine und Cobra Spell ein ideales Doppelpack – musikalisch kontrastreich, aber in ihrer Haltung vereint. Zwei Bands, die den Spirit des Abends schon früh auf das richtige Temperaturlevel bringen.
Kein Soundcheck, keine Pyros – aber jede Menge Gefühl
Schon beim Betreten der Halle ist klar: Heute geht es nicht um Spektakel. Kein Vorhang, kein langes Intro, keine künstliche Spannung. Thundermother brauchen all das nicht. Kein Soundcheck – stattdessen direkt rein, Strom an, Licht runter, Verstärker hoch. Es wirkt beinahe so, als wolle die Band demonstrieren, dass ehrlicher Rock keinen technischen Überbau braucht. Und das tut sie.
Mit „Can You Feel It“ eröffnen die Schwedinnen das Set – und setzen sofort ein Statement. „Do you feel it? Come on and get a little closer“ singt Frontfrau Linnéa Vikström, und obwohl ein kleiner Graben zwischen Bühne und Publikum verläuft, ist von Distanz keine Spur. Emotional ist das Capitol ab Sekunde eins ein einziger, pulsierender Organismus. Die Fans jubeln, springen, singen – es ist ein Moment der unmittelbaren Verbindung. Musik als kollektives Bekenntnis.
Der Soundtrack für Freiheit und Aufbruch
Es folgt „Loud and Free“, ein Songtitel, der sinnbildlich für diesen Abend steht. Die Band spielt tight, mit messerscharfer Präzision und wilder Energie. Die Gitarren beißen, der Bass brummt, das Schlagzeug treibt kompromisslos nach vorne. Und immer wieder diese Flying V – sie ist an diesem Abend mehr als ein Instrument. Sie ist Symbol. Ein Statement. Sie verkörpert die kompromisslose Entschlossenheit dieser Band.
Mit „The Road Is Ours“ und „Dog From Hell“ nimmt der Abend weiter Fahrt auf. Es ist Musik für jene, die sich dem Gleichklang widersetzen, für alle, die auf Authentizität setzen statt auf Maske. Die Texte sind keine Poesie – sie sind Haltung. Und die Art, wie sie gesungen und geschmettert werden, lässt keinen Zweifel: Diese Band meint es ernst.
Dreistimmiger Druck und eine Bühne, die lebt
Eines der auffälligsten Merkmale an diesem Abend: der mehrstimmige Gesang. Dreistimmig. Klar und druckvoll, ohne Effektgeräte, ohne Studiotricks – live so präzise, dass man Gänsehaut bekommt. Bei „Bright Eyes“ entwickelt sich eine emotionale Tiefe, die mitreißt. Keine Künstlichkeit, kein Pathos – nur pure Intensität.
„Take the Power“ und „Dead or Alive“ zementieren den Status der Band als absoluter Live-Act. Sie wirken aufgeladen, spielfreudig, mit jeder Faser dabei. Wenige Crowd-Surfer wagen sich an diesem Abend nach oben – zu eng, zu wenig Platz – doch das Publikum lebt den Abend mit ganzem Herzen. Hier wird nicht bloß konsumiert, hier wird gefeiert, geschwitzt, mitgebrüllt.
Zwischen Galgenhumor und Groove – „I Left My Licence in the Future“
Ein humorvoller Höhepunkt ist das herrlich schräge „I Left My Licence in the Future“. Groovy, verspielt, ironisch – und dabei handwerklich überragend umgesetzt. Die Band zeigt: Sie kann mehr als nur brachial. Danach wird es mit „I Don’t Know You“ wieder roh und direkt. Ein Song wie eine Faust – laut, ungeschönt, ehrlich.
Eine kurze Atempause – und dann ein Trommelfeuer
Mit „Sleep“ nimmt die Band kurz das Tempo raus. Eine Ballade mit Gefühl, getragen von Vikströms markanter Stimme, ohne jemals ins Kitschige abzudriften. Danach übernimmt die Drummerin das Spotlight. Ihr Solo ist kein obligatorisches Intermezzo – es ist ein rhythmisches Gewitter, virtuos, wuchtig, voll auf den Punkt. Das Publikum tobt.
Höhepunkt auf der Kanzel – „Shoot to Kill“ mit Überraschungseffekt
Mit „So Close“, „Can’t Put Out the Fire“ und „Whatever“ schrauben sich Thundermother weiter in Richtung Höhepunkt. Dann: „Shoot to Kill“. Doch diesmal bleibt die Bühne leer – für ein paar Sekunden. Sängerin Linnéa Vikström hat sich über den Backstage-Zugang nach oben begeben und taucht plötzlich hoch über der Menge auf der DJ-Kanzel auf. Kein Bad in der Menge wie bei früheren Konzerten – stattdessen diese überraschende Inszenierung von oben. Ohne Gitarre, mit Mikro in der Hand, singt sie kraftvoll über die Köpfe der Fans hinweg. Ein starker, intimer Moment, der trotz der Distanz Nähe schafft. Und wieder wird klar: Diese Band braucht keine Pyros – sie braucht nur sich selbst.
Hommage an Legenden – und der eigene Weg
„Don’t Believe a Word“, das Thin Lizzy-Cover, wird zur Verbeugung vor den Wurzeln des Genres. Doch anstatt zu kopieren, geben Thundermother dem Song einen eigenen Charakter – rauer, wuchtiger, voller Elan. Es folgt „Try with Love“, das als emotionale Hymne nochmal alles bündelt, was diesen Abend ausmacht. Dann „Thunderous“ – der Name ist Programm.
Zugabe: Drei letzte Donnerschläge
Natürlich gibt es eine Zugabe – und was für eine. „Hellevator“, „Speaking of the Devil“ und „Driving in Style“ – drei Songs, die noch einmal alles bündeln: Attitüde, Spielfreude, Lautstärke. Die Band gibt bis zur letzten Sekunde Vollgas. Als die finalen Akkorde verklingen, stehen viele im Publikum einfach nur da, fassungslos, euphorisiert, bewegt. Und keiner will wirklich gehen.
Fazit: Alles, was Rock’n’Roll braucht – und nichts, was ihn stört
Thundermother haben an diesem Abend alles richtig gemacht. Ohne Soundcheck, ohne Pyro, ohne Netz und doppelten Boden – aber mit Haltung, Können und Herz. Es war ein Abend der Ehrlichkeit, ein Abend der Musik, ein Abend der Verbindung. Wer da war, ging mit mehr nach Hause, als er erwartet hatte. Und wer sie verpasst hat, wird es bereuen. Denn was hier im Capitol Hannover passiert ist, war kein gewöhnliches Konzert. Es war Rock’n’Roll in seiner reinsten Form: laut, wild, aufrichtig. Und unvergesslich.
Die rund 1.100 Fans verlassen das Capitol beseelt, glücklich und aufgeladen mit Energie, viele mit einem Lächeln im Gesicht, das länger hält als der letzte Ton des Abends. Und wie es in Linden gute Tradition ist, klingt dieser grandiose Rock’n’Roll-Samstag nicht einfach aus – viele lassen ihn mit einem oder mehreren kalten Getränken auf der nur wenige Schritte entfernten Limmerstraße ausklingen, wo bis tief in die Nacht weitergelacht, diskutiert und das Erlebte geteilt wird.
Ein Abend, der einmal mehr beweist: Rock’n’Roll lebt – mit Long Legs, großen Songs und einem noch größeren Herzen.
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